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Manuel Schibli, Alice Kuhn

über
DERZEIT
Lebenswege
Schweizer Ausbildung
Berlin
Tokio

10. Januar 2012

Mit ihrer Tageszeitung DERZEIT haben Manuel Schibli und Alice Kuhn vor 3 Jahren ein Experiment gewagt, welches heute ein fester Bestandtteil der Berlin Fashion Week ist.

MS: Wir sind durch Zufall nach Berlin gekommen. Wir haben so einen Deal gemacht — wer zuerst einen Job findet, dahin ziehen wir, wie man das so macht. Und dann hat Alice einen Job gefunden, hier in Berlin. Irgendwann haben wir gesagt, dass wir mal etwas eigenes machen müssen und haben dann 3 Wochen vor der Fashion Week beschlossen, dass wir eine Tageszeitung machen. (lacht) Die Idee war schon immer da. Die hatten wir eigentlich sogar schon während Qvest-Zeiten, noch unter der Leitung von Adriano Sack damals, welcher jetzt das deutsche Interview-Magazin macht. Da hatte man schon mal drüber gesprochen, aber da war das Interesse nicht so da – auch zeitmäßig und dann irgendwann haben wir gesagt: Ja, lass uns das mal machen. Wer Zeit hat kommt mit und macht mit.
 
Was gut war, war, dass es damals keine trendige zeitgemäße Tageszeitung gab, die sich mit Mode befasste.

OT: Wann habt ihr angefangen?
MS: Wir sind jetzt im 6. Volume, also vor 3 Jahren.

OT: Die ersten Mitstreiter habt ihr wie gefunden?
MS: Man hat ja durch verschiedene Jobs viele Adressen gesammelt und wir haben auch im Internet geschaut, wer jung ist und Modefotografie macht. Wir haben Freunde gefragt, gleichzeitig auch bei den Textern geschaut, wer was machen kann.
 
Berlin ist so groß. Es gibt tausend Leute, die was cooles machen. Als Einzelperson kannst du gar nicht alle kennen. Als Einzelperson, die ein Magazin macht, hat man ja immer seinen Dunstkreis, seine Interessen und seine Vorlieben.

OT: Ihr schaut, wie es läuft?
MS: Wir bauen das ganze eigentlich jedes mal so ein bisschen aus. Die erste Ausgabe war ja gar nicht gestaltet. Das war ja fürchterlich. War echt zum … kotzen. (lacht) Wir haben damals echt die ganze Zeitung an einem Tag designed. Wir hatten vorher gar nichts vorbereitet. Im Winter kam dann die erste designte Zeitung raus – mit der alten Schrift, wie man sie jetzt kennt. Im darauffolgenden Sommer haben wir die Manifesto-Kampagne gemacht, mit Maison Martin Margiela, Bless, Michael Sontag und Antonio Marras, zusammen mit Dysfashional. Das war so eine Ausstellung, die sich sehr viel mit dem Kunstaspekt der Mode beschäftigte. Jeder Designer hat dort sein Manifesto gemacht – was für ihn wichtig ist. In 1—2 Sätzen, warum er überhaupt macht, was er macht, was ihn anreibt. Dazu gab es dann überall in der Stadt Typoplakate. Dann haben wir mit Amos Fricke den Kalender gemacht. Das war auch das erste mal. Zu Anfang wollten wir nur mit jungen Models arbeiten, mit New Faces und haben dann gemerkt, dass es eigentlich viel interessanter ist, auch mit etablierten Models zu arbeiten.
 
Im Sommer haben wir Metropolis gemacht, d.h. die Derzeit wurde auch nach Paris, London, Mailand und New York geliefert und dieses mal machen wir irgendwie alles zusammen. Metropolis wieder, aber diesmal mit noch besseren Adressen. Den Kalender haben wir ausgedehnt. Der ist diesmal farbig und aufwändiger gemacht. Irgendwie ist das alles ja ganz cool, aber irgendwann kommst du ja an deine Grenzen. Wir sind ja schließlich eine Tageszeitung. Wir sind kein V Magazine und keine Purple, sondern wir sind eine Berliner Tageszeitung, d.h. du hast eine bestimmte Anzahl treuer Leser, was sehr schön ist, aber wir können ja keine 100.000 Kopien drucken.

OT: Wie hoch ist eure Auflage?
MS: 6500.
OT: Pro Tag?
MS: Ja. Bei der Auflage geht sie gut weg.

MS: Das große Projekt dieses mal ist das Redesign. Die Zeitung wird wieder mal komplett anders aussehen.
OT: Der Ausgangspunkt ist?
MS: Wenn du unabhängig bist, hast du irgendwie eine bestimmte Verpflichtung, dich immer wieder zu hinterfragen, alle Freiheiten die du hast auch zu nutzen. Das schönste ist, dass wir unsere Interessen in die Zeitung einbringen können und uns gestaltungsmäßig keine Grenzen gesetzt sind. Wir entscheiden auch alle, wer in unser Team reinkommt und was wir machen.
 
Es ist gefährlich, wenn du ein gutes Design hast. Ich mochte das alte Design sehr, aber es ist wichtig, nicht darauf sitzen zu bleiben, weil du die Chance hast, etwas neues zu machen. Wir sind jung und wir wollen irgendwie auch was verändern. Da muss man sich auch verändern. Es ist irgendwie zu einfach, gleich zu bleiben. Es ist irgendwie wichtig unberechenbar zu bleiben, ehrlich und direkt. Man muss die Leute überraschen. Das darfst du ja auch. Das ist ja ein großes Geschenk, dass wir uns verändern dürfen.

OT: Habt ihr euch beide schon in der Schweiz kennengelernt?
AK: Ja, wir waren auf der selben Schule, haben uns aber erst kennengelernt, als wir fast nicht mehr auf der selben Schule waren.
OT: Wo habt ihr studiert?
AK: An der Kunsthochschule Luzern.
OT: Ist das gut, wenn man Magazine machen will?
MS: HAHAHA Für Magazine gibt es dort nichts, eigentlich gar nichts, oder?
AK: Doch, aber als Schule ist sie sehr frei. Du kannst es nicht mit Deutschland vergleichen. Wir hatten immer projektbezogenen Unterricht und 60% unbetreute Zeit. Das heißt die Schule ist sicherlich gut, wenn du weißt, was du machen willst. Dann hast du sehr viele Freiheiten. Wenn du darauf wartest, dass dir jemand was beibringt, vielleicht weniger. Ich hab mal irgendwo gelesen, dass die Schule am meisten Abgänger hat, die arbeitslos sind, aber auch am meisten Abgänger hat, die dann auch wohin kommen. Du kannst deine Freiheiten dort nutzen. Und wenn du sie nutzt, dann kannst du auch vieles schon während der Schule machen und davon profitieren.
MS: Es ist dir überlassen, was du draus machst. Was ganz cool ist: Die Schule stellt dir viel zur Verfügung und du hast wirklich tolle Lehrer. Wirklich gut ist, wenn diese auch wirklich was zu sagen haben und eine klare Position vertreten.
AK: Ich glaube, dass bei uns in der Ausbildung auf jeden Fall die Schweizer Typografie auch heute noch sehr wichtig ist. Obwohl man selber denkt, dass man nicht so viel gelernt hat, da das Thema einfach endlos und schwierig ist, haben sie einem trotzdem dieses Auge mitgegeben. Erst später habe ich festgestellt, dass ich eigentlich auch ziemlich viel weiß, im Vergleich zu anderen. Das merkst du dann erst später. Es geht sehr um das Detail. In der Schule sind die guten Kurse die, bei denen du zuerst denkst, wie blöd die sind und was die eigentlich sollen. Erst später wirst du realisieren, wie wichtig sie sind.
MS: Du bist dann schon gut. Ich weiß nicht, wie es in anderen Schulen ist. Ich kann es nicht sagen, weil ich glücklicherweise nicht rausgeflogen bin. Fast die Hälfte meiner Studienzeit hab ich im Ausland gearbeitet. Die Schulleitung war damals eigentlich auch sehr easy. Ich habe ein halbes Jahr in Japan gearbeitet und wurde dabei voll unterstützt.
AK: Man war immer sehr nah mit allen Leuten zusammen. Ich glaube, dass das auch sehr positiv war. – auch was, was ich natürlich während des Studiums nicht verstanden habe. (lacht) Man war auf dem gleichen Stock, man hatte zum Teil die gleichen Kurse und wurde zusammengemischt. Man kannte dadurch auch die Leute aus der Kunst, aus der Mode und so weiter. Man lernt dann auch die anderen Sichtweisen kennen.
MS: Du hast dann halt keine Angst vor dem Austausch.
Ak: Und gerade als Grafiker muss man später mit diesen Leuten zusammen arbeiten. Also wir profitieren jetzt davon, dass wir Kontakte zu Illustratoren und so haben, denn als Grafiker bist du die Schnittstelle, wo alles zusammenläuft. Man kann nicht immer alles alleine machen, gerade wenn du ein Magazin machst, kannst du nicht alles komplett allein bewältigen. Du musst gute Leute kennen, die dir das liefern, was du willst – wenn du Artdirektor bist und eine Vorstellung hast. Gerade diese Kontakte sind unglaublich wichtig. Natürlich kennt man die Leute aus der Schulzeit dann schon so genau, dass man weiß, dass wenn man sie anfragt, das man verlässlich das Angeforderte bekommt.

OT: War es dann leicht in Berlin Fuß zu fassen?
MS: Wir haben hier kaum jemanden gekannt, aber wenn man gut und ehrlich arbeitet muss man einfach dran bleiben. Aber ganz ehrlich gesagt: Wir kennen nicht halb Berlin oder so. Wir haben gute Freunde. Und es braucht seine Zeit.
AK: Das ganze war auch ein Grund, warum wir Derzeit gemacht haben. Es war sicher der beste Weg, sich ein Netzwerk aufzubauen. Wir arbeiten jede Ausgabe mit 20 Leuten zusammen. Die wechseln dann zum Teil und man kennt irgendwann die Leute in den Agenturen. Wir hatten nie die Vorstellung, dass wir mit dem Magazin wahnsinnig viel Geld verdienen würden, sondern es ging wirklich darum, sich ein Netzwerk und ein Portfolio aufzubauen. Dafür ist das Magazin perfekt. Viele Leute, mit denen wir zusammengearbeitet haben, sind mittlerweile auch unsere Freunde, da wir mit denen sehr intensiv arbeiten. Was auch ein bisschen negativ sein kann, ist, wenn sich die Welt von Privat- und Businesskontakten mischt. Es ist schön, wenn man mit seinen Freunden zusammen arbeitet, aber auch schade, wenn man nur noch übers Business spricht. Man kommt dann manchmal auch schlecht raus. Aber eigentlich ist es ganz schön so, wie es ist. Es ist besser, als wenn man nur mit Businesskontakten arbeitet, die man gar nicht kennt. Mit Freunden macht das ganze doch viel mehr Spaß.
Natürlich haben wir auch Freunde aus einem ganz anderen Umfeld.
MS: Zum Glück, ja. (lacht)
AK: Das schätzt du manchmal dann ja auch sehr, wenn Leute gar nichts mit dem ganzen Bereich zutun haben. Letzten Endes brauchst du aber auch Freunde, die dich und das verstehen, was du täglich tust. So. Und das ist ja bei uns auch so, dass wir ein Paar sind und zusammen arbeiten. Manchmal ist das hart, aber wir verstehen uns halt. Wir wissen, dass wenn der andere sagt: Samstag, 23:00 Uhr – Hey! Ich muss diesen Auftrag fertigmachen …
MS: Dann motzt niemand rum.
Ak: Dann verstehe ich das, denn nächste Woche kann ich in der gleichen Situation sein. Jemand aus einem ganz anderen Arbeitsumfeld würde das vielleicht einfach nicht verstehen. Man muss auch lernen zu sagen: Jetzt! Business Off!

OT: Gibt es in Berlin irgendwelche Orte, die euch dann gewisse Ruhe geben?
MS: Neukölln.
AK: Neukölln schätzen wir sehr. Als Wohnort. Am Anfang haben wir in Mitte gewohnt. Neukölln ist sehr unfashion.
MS: Also dieser Teil von Neukölln.
AK: So weit unten auch, wo wir wohnen.
OT: Wohnt ihr noch weiter unten?
AK: Fast bei der Ringbahn. Da ist echt nichts außer türkischen Familien. Da kannst du in deinen Trainerhosen rausgehen. Niemanden interessiert das. Was wir ab und zu machen ist auf dem Tempelhofer Feld laufen zu gehen. Das ist ja jetzt offen. Das ist so eine große leere Fläche, die dir echt Luft zum atmen gibt. Das ist ganz schön. Da ist nichts. man läuft einfach. Es gibt keine Werbung, wo man die Typo anschauen und bewerten muss (lacht) oder so. Ich finde das sehr befreiend.

OT: Gibt es da große Unterschiede zwischen Tokio und Berlin?
MS: Lustigerweise nicht, wobei das natürlich sehr persönlich ist. Tokio ist was anderes. Tokio ist für mich leerer als Berlin.
OT: Inwiefern?
MS: Als ich da war, das ist auch schon eine Weile her. Über das Internet hatte ich damals Kontakt zu dem Büro aufgenommen, wo ich zuerst gearbeitet habe und zu der Zeit habe eigentlich kein Wort Japanisch gekonnt. Als ich angekommen bin wollte ich in die Stadt reinfahren, war aber etwas schlecht informiert, so als halber Teenager. Ich dachte: Ja ja, Narita wird schon in der Stadt liegen, lag es natürlich nicht. Am Ticketautomaten habe ich dann auch erst mal gemerkt, dass da wirklich nichts auf Englisch steht. Glücklicherweise hab ich dann eine indische Familie getroffen, die da gearbeitet hat und die haben mir weitergeholfen. Ich war total auf deren Hilfe angewiesen.
 
Die ersten zwei Tage stressen dich die Werbung und die Filme in der U-Bahn. Überall laufen irgendwelche Ansagen. Alles leuchtet, aber du kannst halt nichts lesen, d.h. es stört dich nicht, da es dein Gehirn nicht beansprucht. Alles ist rein visuell. Wenn Schrift ihre komplette Bedeutung verliert und es einfach nur noch Formen sind, ist das einfacher. Es ist alles total abstrakt. Auch wenn du Stimmen hörst ist das irgendwie angenehm, da du keine Energie aufwenden musst um irgendetwas zu dechiffrieren. Es ist dadurch alles extrem ruhig. Es ist eine wohlig warme menschliche Suppe um dich herum.

OT: Und kannst du jetzt Japanisch?
MS: Ich konnte ein bisschen, aber in der kurzen Zeit, die ich da war, ist das wohl etwas schwer. Ich habe mich nur paar mal so richtig zum Büroclown aufgeschwungen (lacht), als ich zum Beispiel für eine japanische Biermarke ein neues Logo machen sollte. Du siehst halt die Zeichen echt nur so als Striche und hast kein Gefühl, was du verbiegen kannst und was nicht. Ich hab dann wahrscheinlich das hässlichste Logo überhaupt gemacht, aber ich fands voll schön. Mein Chef hat sich vor Lachen um den Tisch gewälzt.

OT: Wird es euch noch mal woanders hinziehen?
MS: Wir sind da total offen.
AK: Es kann echt alles sein. Wir haben gemerkt, dass wir ja einfach nach Berlin gekommen sind und das ganze mit Derzeit hat sich so entwickelt. Das ist gut. Dadurch bleibt man mal eine Weile hier, aber ich glaube, dass wir darauf warten, dass irgendwann der Moment kommt, an dem wir wissen: Jetzt geht es weiter. Das ist möglich, vielleicht aber auch nicht. Ich habe gemerkt, dass es nicht viel Sinn macht etwas groß zu planen. Es kommt alles anders als man denkt. Wir haben uns vom Zufall lenken lassen, aber natürlich haben wir unsere Ziele und Träume im Hinterkopf. Es wird einen Punkt geben, an dem man weiß, dass es jetzt das richtige ist, das zu tun, was man tut. So.
MS: Wo einen das Leben so hintreibt. Das ist ja das schöne daran. Ich kann das Leben nie durchplanen. Das größte, was dir unser Beruf bietet ist, dass du mit visueller Sprache eine Sprache beherrscht, die alle Leute verstehen, wenn auch mit verschiedenen Akzenten. Die Welt steht dir offen. Du kannst wahnsinnig viel bewegen. Wenn du gerade so eine Publikation machst, kannst du die Welt verändern und mitgestalten. Das ist so etwas, was man wohl gar nicht so voraussagen kann. Man entdeckt ja immer wieder neue Interessen und Ziele. Es gibt an sich schon genug Planung in unserem Beruf. Es ist immer wichtig, dass alles on-time ist, aber generell ist es doch toll, dass immer neue Herausforderungen und Ideen auf einen zukommen.
 
Es ist doch eigentlich das schönste, dass du sagen kannst: Let's go! Wo immer das auch hingeht.