Christiane Bördner

über
I LOVE YOU MAGAZINE
Tyra Banks
Networking
Berlin

16. Dezember 2011

CB: Als wir angefangen haben mit der I LOVE YOU unsere ersten Filme für die Webseite zu machen, haben wir auch angefangen uns unseren ersten Schneideplatz einzurichten, weil wir einfach gemerkt haben, dass wir auf unserer Webseite Bewegtbild haben wollten. Jetzt haben wir diesen Schneideplatz und wir haben so viele Anfragen und produzieren so viele Bewegtbildmedien, dass wir zum Beispiel allein heute hier 3 Cutter sitzen haben. Später haben wir auch ein Date mit einem Musiker, der uns Musik liefert. Wir müssen uns also komplett neue Ressourcen einholen, die für uns ganz neu sind.

OT: Macht euch das Spaß?
CB: Voll! (lacht) Ich finde es einfach absurd weil früher waren hier ein Grafiker, zwei Grafiker, drei Grafiker – jetzt sitzen hier Cutter und Musiker und eigentlich ist das ganz toll. Das nächste wäre dann eigentlich, einen richtigen Film zu drehen.

OT: Ihr nutzt Bewegtbild oft für Produktpräsentationen eurer Kunden.
CB: Ja, da ich denke, dass es bei einer Webseite einfach Sinn macht und gleichzeitig finde ich es sehr spannend, dass man einfach noch einen Schritt weiter gehen kann. Einfach nur ein Foto abbilden? Man hat diese neue Rezeption – wenn man das Gefühl hat: „Oh, das bewegt sich ja!“. Ich denke das ist auch nur eine Phase, aber auf der anderen Seite ist es noch mehr. Das muss man für uns als Grafiker & Fotografen einfach bedenken. Die Möglichkeit ist einfach da. Wenn du auf einen Shoot gehst hat die Kamera immer einen Videobutton.
OT: Letztendlich könnt ihr dann ja sogar aus den Videos die Stills rausziehen.
CB: Das haben wir gemacht. Für die letzte I LOVE YOU. Leica hat eigene Objektive für die RED entwickelt und die haben sie uns geliehen, da sie noch nicht so viele davon hatten. Die meisten wurden nämlich erst nach Hollywood geliefert. Als wir in Los Angeles mit Tyra Banks fotografiert haben, konnten Sie uns eben einen Koffer mit Objektiven schicken und dann haben wir mal mit denen getestet. Alles war so scharf, dass wir mit dem Bildmaterial auch Doppelseiten füllen konnten.
OT: Du sprichst von dem schwarzweißen Perlenfoto?
CB: Ja.

OT: Das ist natürlich die Frage, die uns alle fast am meisten interessiert. Eine Zusammenarbeit mit Tyra Banks. Wie kam das zustande?
CB: Unser Netzwerk wird natürlich immer größer und eine Freundin von uns arbeitet als Agentin in New York. Sie war auch die Agentin von Marcus und ein Bekannter von mir betreut bei IMG nicht die Models, sondern Celebrities – und er hatte mich angeschrieben. IMG betreut die Fashionweeks und er war zur Fashionweek hier in Berlin und hatte gefragt, ob wir nicht mal einen Kaffee trinken wollen. So wurde sie irgendwie an uns herangetragen. Normalerweise bekommen wir, da wir ja noch relativ klein sind, eher die New Faces, die Newcomer. Aber ich sehe das schon so, jeder, selbst wenn derjenige, den ich treffe nichts bringt, erzähle ich ihm einfach eine Geschichte von dem was wir machen und dann gibt der mir vielleicht eine Adresse von jemandem, der wiederum jemanden kennt. Also ich habe mittlerweile gelernt, dass diese Kontakte alle total wichtig sein können, jetzt gar nicht so „wichtig wichtig“, sondern da ist vielleicht einer dabei, der wiederum einen kennt, der mich interessieren könnte. Und deswegen nutze ich eigentlich auch jede Gelegenheit, um Leute kennenzulernen – und das ist ja auch immer spannend. Wir haben also überall ein paar Leute, die wir kennen und wenn wir das Thema für das Magazin haben, dann sagen wir auch: Wir suchen jemanden. Denn gerade für ein kleines Magazin wie uns ist das schon wichtig auch irgendjemanden drin zu haben, den andere auch wiederum kennen. Das vereinfacht. Es wird dann leichter accessible. Du hast dann eher das Gefühl „Das kenne ich und dann traue ich mich auch mal an so ein Heft ran“, denn Tyra Banks bedient die breite Masse, aber für uns ist es dadurch natürlich auch gut, in eine andere Zielgruppe weiter zu streuen, weil die Leute sich dann vielleicht auch mal trauen unser Heft zu lesen anstatt zu denken, dass das Kunst oder Avantgarde ist und das sie das sowieso nicht verstehen.
OT: Was verändert so eine bekannte Person auf dem Cover?
CB: Tyra Banks z.B. sorgt für viel mehr Presse als einfach nur irgendein verrücktes Bild. Wobei auch damals bei der einen Ausgabe hatten wir so ein Mädel mit einem dicken Hintern. Das war unsere Secretary Issue. Die hat auch schon ganz gut Presse bekommen wegen diesem Bild, aber bei Tyra Banks ist das natürlich ein ganz anderer Moment. Wir sind da aber gar nicht so rangegangen, dass wir meinten, die kennen so viele. Sie hat für unsere Story eigentlich gut gepasst, weil wir eigentlich dachten, das ist eigentlich nicht das richtige für uns, aber deswegen fanden wir sie eigentlich ziemlich richtig.

OT: Ihr habt wie viele andere auch in einer anderen Stadt als Berlin studiert. Gibt es einen Fluss durch diese Stadt? Sind Grafiker wie eine Karawane, die durch Berlin ziehen, um die Stadt dann wieder zu verlassen?
CB: Ich weiß es nicht. Ich fände es ganz gut, wenn es so wäre, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich schon so alt bin. (lacht) Wir sind ja nun schon seit 11 Jahren hier und haben 2 Kinder. – Wir haben immer mit dem Gedanken gespielt nach New York zu gehen und der Gedanke ist auch immer noch da und ich finde es toll, wenn man sieht, wie einfach man produzieren kann. Es ist das Paradies. Da sind alle, die ich brauche. Ich Treff mich irgendwie an einem Nachmittag mit 5 Leuten und dann könnte ich eigentlich morgen schon einen Shoot machen. Aber ich sehe auch die Haken, die Nachteile die das alles hat – wie viel Geld ich im Monat aufbringen muss, um das gleiche Leben zu führen wie hier – wie die Leute getrieben sind, um Geld zu verdienen. Ich weiß nicht, ob ich diese Freiheit, die ich hier habe, nebenbei mein Magazin zu haben, auch dort haben würde. Vielleicht würde ich das hinkriegen, aber im Moment traue ich mich das nicht. Auf der anderen Seite weiß ich auch gar nicht, wie sich unsere Welt im Moment verändert. Du hast Facebook, du hast deine Blogs und so. Ist es überhaupt noch wichtig, an einem bestimmten Ort zu sein? Wir haben uns entschieden, dass wir jetzt erst mal hier bleiben. Dafür fliegen wir dann einfach öfter.

OT: Gibt es etwas am Magazin, dass dir besonders am Herzen liegt?
CB: Ich bin immer so, aber das kennst du vielleicht selber, wenn man so als Grafiker – man hat natürlich so seine Sachen, die man so mag, aber wenn sie schon gemacht sind, dann langweilt einen das auch schon wieder, weil man selber dann ja noch viel weiter gehen könnte. Bei der letzten Ausgabe wollte ich eigentlich das komplette Layout überarbeiten. Auf der anderen Seite denke ich mir: Okay das ist ja schon ein eigenes Baby. Das bist nicht mehr „Du“. Die Leute sollen es ja auch verstehen und wiedererkennen. Vielleicht wäre es zu radikal, jetzt wieder alles neu zu machen, weil dann würden die Leute sich verlieren und die halten sich ja auch an etwas fest. Vielleicht muss man manchmal gar nicht soweit gehen. ich bin mit mir immer selber so streng und denke: Mach mal alles neu – wäre toll – und dann merke ich einfach, dass ich das nicht schaffe und mir die Zeit davonläuft. Deshalb muss man bei manchen Sachen vielleicht auch einfach mal zur Ruhe kommen. Dann nehme ich mir die Zeit, aber arbeite eher an den Inhalten. Wir hatten jetzt z.B. die Wrong Issue und ich wollte auch alles komplett falsch machen. Ich wollte das komplette Grafikdesign total falsch machen. Dann dachte ich: Das wird dann vielleicht aber auch zu grafikdesignverliebt. Da kann man sich gar nicht mehr konzentrieren. Vielleicht sollte man sich einfach auf die Inhalte konzentrieren und das Grafikdesign hat sich etabliert und es nimmt sich jetzt einfach zurück und bleibt so, wie es ist. Ich liebe schön gedrucktes und manchmal sage ich mir: Übertreibe nicht. Halte mal den Ball flach und mache es einfach sauber und ordentlich. Und manchmal mache ich dann auch Sachen, bei denen ich jetzt gar nicht denke, dass es die Neuerfindung des Grafikdesigns ist. Ich will es ein bisschen glamouröser machen. Ich will es ein bisschen magaziniger gestalten. Da habe ich dann das Gefühl, ich unterwerfe das Grafikdesign auch seiner Funktion und lass es nicht als eigene Kunstform auftreten.
OT: Damit das Heft leicht bleibt?
CB: Ich habe gemerkt, dass wenn das Heft zu schön ist, die Leute es gar nicht als Magazin empfinden. Ich hab auch das Gefühl, dass wenn man anfängt, auch ein paar Dinge die hässlich sind und Sachen, die nicht funktionieren, mit einzubauen, dann verleihen Sie dem ganzen seine Leichtigkeit. Und wir diskutieren eben darüber, ob wir schöne oder hässliche Anzeigen haben sollten – ob das das Heft das verkraften könnte. Ich glaube ein bisschen hässliches kann es manchmal total verkraften, weil es auflockert. Und das macht es so schwer manchmal, wenn alles so durchgestyled ist. Und ich mag manchmal auch, wenn etwas kaputt ist, oder wenn es nicht richtig ist. Und ich hasse Regeln. Das Raster muss dann einen Satzspiegel haben, und das muss und das muss und so – dann denke ich mir: Nein, es muss gar nichts.

OT: Gibt es in Berlin Orte, die euch in besonderem Maße inspirieren?
CB: Ich glaube ich lebe schon zu lange in Berlin, als dass ich sagen könnte: Das inspiriert mich jetzt voll. Ich habe mittlerweile schon sehr starke Routinen und bin da schon sehr langweilig. Ich lebe in Prenzlauer Berg, ich arbeite in Kreuzberg, meine Kinder gehen in Mitte zur Schule. Das sind die drei Stadtteile, die ich jeden Tag abfahre. Ab und zu fahre ich einen anderen Weg, aber eigentlich fahre ich immer den gleichen Weg und dann fahre ich wieder nach Hause. Dann gehe ich mit meinen Freunden abends noch einen Drink nehmen und das mittlerweile auch schon in die 5 gleichen Läden – und klar, wenn du ab und zu … letztens waren wir alle im Neuen Museum und da bin ich dann schon so: Beeindruckend! – das ist auch Berlin? Man hat das Gefühl, dass man gar nicht in Berlin ist, sondern in Rom oder Paris und das erstaunt einen dann wieder. Ich habe gemerkt, dass man irgendwann dann einfach den Kopf zu macht und man wird eigentlich eher inspiriert, wenn man in einer anderen Stadt ist und nicht zu Hause, weil man da anders geöffnet ist und da nicht arbeiten muss, oder weil …
OT: Da nicht alles so an einem vorbeirauscht?
CB: Ja! … Ich weiß noch, als ich damals nach Berlin kam war das noch: Oh, der Winter und der Geruch und da habe ich immer Klassikradio gehört und ich war so komplett verzaubert und manchmal denke ich mir, dass der Zauber dann komplett weg ist. Das ärgert mich so. Der Radius wird immer kleiner, weil man ja auch jeden Tag arbeiten muss. Man hat so seinen Alltag und auch gar nicht soviel Zeit, sich neues anzuschauen. Man ist ja auch irgendwie froh, wenn man mal auf der Couch liegt und ein Buch liest. – Also ich gehe dann auch gerne mal zu DO YOU READ ME?!, um mal Hefte zu blättern und dann bin ich total depressiv und frustriert, weil ich mir denke: Wenn es diesen Laden schon gegeben hätte, schon bevor ich angefangen hätte, dann hätte ich wahrscheinlich nie angefangen ein Heft zu machen. Das ist ja der Wahnsinn, was es da alles tolles gibt und wenn ich mir dann auch die ganze neue Generation an Grafikdesignern ansehe – was die Leute alle drauf haben, dann bin ich total beeindruckt.
OT: Selbst du hast also auch noch das Gefühl, dass die anderen besser sind als du?
CB: Total! Da denke ich mir immer so: Also wenn ihr wüsstet … Eigentlich kann ich gar nichts (lacht). Das ist aber glaube ich normal. Ich denke mal, dass das das gesündeste ist, dass man sich selber auch immer noch in Frage stellt und denkt: Man könnte es vielleicht ja noch mal so oder so machen. Ich glaube, dass man dann immer noch offen für neues ist und deshalb mag ich es auch gerne, Praktikanten zu haben und neue Leute, um zu sehen, was es noch so gibt, oder wie andere denken. Ich schaue mir natürlich schon viele tolle Sachen an. Wenn ich diese ganze Mannheim-Fraktion sehe, DEUTSCHE & JAPANER mit ihren IGNANTs, ARCADEMY DAILIEs und die hauen da so einen Hammer nach dem anderen raus und du denkst dir so: Das gibt's doch gar nicht. Was ist denn da los? (lacht)

Das ist so eine neue Generation, die auch ganz anders miteinander kommuniziert und ich finde das total inspirierend und ich sehe mich überhaupt nicht allem darüberstehend, sondern wir versuchen alle irgendwie unserer Leidenschaft nachzugehen und unsere Sachen zu machen

OT: Viele gute Studenten kommen nach Berlin, nicht so viele aus Berlin.
CB: Ich bin auch froh nicht in Berlin studiert zu haben, weil ich glaube, dass es hier zu viele andere schöne Sachen außerhalb des Studiums gibt. Unseres war komplett auf das Studium ausgerichtet. Es gab ja auch nichts anderes. Abends haben wir uns auf ein Bier bei Freunden getroffen, mehr nicht. Was ich auch merke: Seit dem ich das Magazin mache, habe ich natürlich unglaublich viele Anfragen von Praktikanten, aber ich kann nicht unbedingt sagen, dass sie besser werden. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Leute einfach nur zu uns wollen, weil es glamourös klingt.
OT: Weil sie den Namen im Lebenslauf haben wollen?
CB: Ja – und nicht, weil sie Freaks sind, die wirklich Grafikdesign machen wollen. Und das nervt mich Sosein bisschen. Wir trinken hier ja auch keinen Champus den ganzen Tag, sondern das ist ja Daily Business. Und Grafikdesign zu machen, das ist einfach Arbeit. Das Glück an Berlin ist, dass sich hier viele Leute bewerben, die hier einfach mal wohnen wollen. Dadurch hast du auch sehr viel internationale Leute, die mal vorbeikommen. Aber da hab ich auch schon so meine Präferenzen mittlerweile, aus welchem Land die guten kommen – und aus welchem die nicht so guten kommen. (lacht)
OT: Die guten kommen aus dem Norden?
CB: Die guten kommen aus den Niederlanden oder England.